Integration durch Ehrenamtliches Engagement

Über Grenzen springen

Parkour Grenzen überwinden

Sozialpädagoge André Ulrich (l.), der das Training ins Leben gerufen hat, mit den Parkour-begeisterten Jugendlichen. Fotos: Stefanie Kovacevic

PARKOUR - Hindernisse im Kopf und mit dem Körper überwinden: Straubing bietet Training für Jugendliche an

Die Musik ist das Erste, was man hört, wenn man zu einem Parkour-Training  im  Alten Schlachthof  in  Straubing kommt: Trap, wie der basslastige  Musikmix  genannt  wird, verwendet Joe besonders gerne  für  die  Begleitung  der Schweißtreibenden  Übungen. Die  richtige  Musik  motiviert, und  wenn  man  bei  einer Sportart  Motivation  braucht, dann  bei  dieser.  Denn  bei Parkour geht es um Überwindung: der Blockaden im Kopf wie auch der Schwerkraft. Und  dann  geht  es  auch schon  los:  Mit  einem  Salto überwindet Joe scheinbar mühelos  eine  niedrige  Mauer, dann  springt  der  16-Jährige hoch,  hält  sich  an  einer  Gerüststange fest, holt Schwung, lässt  los  und  fliegt  förmlich zur nächsten  Stange. Die greift Joe nur kurz, dann lässt er los, landet stehend auf dem Boden.  „Aua",  sagt  er,  reibt sich  die Handflächen und lacht. Blasen an den Händen gehören  beim  Parkour-Training am  Stangengerüst  einfach dazu, da hilft auch das Einreiben mit Chalk nur begrenzt. Die Blasen tun dem Spaß aber keinen  Abbruch,  finden  alle, die hier regelmäßig trainieren.

 

Schnell und effektiv über alle Hindernisse

 

Parkour  kommt  in  Straubing gut an. Der Sport kennt weder  Wettkampf  noch  Leistungsdruck, aber fördert eine Körperbeherrschung,  wie man  sie  von  Artisten  kennt. Ziel  ist es, alltägliche städtische Hindernisse möglichst effektiv  zu  überwinden, ohne Schwung zu verlieren. Entwickelt  wurde  Parkour ursprünglich aus der „Métho- de naturelle", einer Trainingsmethode,  die  Anfang  des  20. Jahrhunderts entwickelt wurde  und  die  es  Menschen  ermöglichen  sollte, mit  Kraft, Ausdauer  und  Schnelligkeit jedes  Gelände  zu  durchqueren.  Geübt  wurden  unter  anderem  Laufen, Klettern, Springen,  Balancieren,  aber auch  Werfen  und  Schwimmen. Obwohl  diese  Fortbewegungsart  ursprünglich  nicht für den militärischen Einsatz erdacht wurde, hatte sie in den 60er Jahren Einfluss auf  das Training von französischen  Soldaten. Einer davon, Raymond  Belle,  entwickelte daraus in Vietnam effiziente Flucht- techniken,  um  die Überlebenschancen  zu verbessern.  Sein Sohn David Belle, der in Frankreich  aufwuchs,  übertrug die Bewegungen auf die urbane  Umgebung,  um  Zäune, Mauern und Baugerüste, später auch Fassaden und Hochhäuser  mit  einzubeziehen: „Le Parkour" war geboren.

 

Ein Trendsport, der die Integration fördert

 

André  Ulrich vom Amt  für Soziale Dienste steht zwischen den Jugendlichen vor dem  Gerüst,  das  im  Hof des Schlachthofgeländes aufgebaut wurde. Der junge Sozialpädagoge  leitet das kommunale  Projekt  IDEE, in dessen Rahmen  mit  Kooperation des Jugendzentrums auch das Parkour-Training stattfindet.

Das  Projekt  bietet  seit  November  2013  Jugendlichen mit  Migrationshintergrund die Möglichkeit, in verschiedenen  Bereichen,  darunter Parkour,  mitzumachen. IDEE steht  für  „Integration  durch ehrenamtliches  Engagement" und wird vom Bundesministerium  für  Familie,  Senioren, Frauen  und  Jugend  bis  September 2016 gefördert. „Es  gibt hier viele junge Leute,  die  in  keinem  Verein sind  –  die  wollen  wir  erreichen", sagt Ulrich. So exotisch der Trend sport so manchem auch noch scheinen mag, Parkour hat in Straubing  bereits einige Anhänger  gefunden: „Zum  offenen  Training am  Donnerstag kommen  durchschnittlich  20 Jugendliche",  schätzt  Ulrich. Mitmachen  kann  jeder  ab  12 Jahren,  egal,  ob  er  Parkour schon  einmal  ausprobiert  hat oder nicht: „Jeder macht es in seinem eigenen Tempo und alles ist richtig." Und  jeder  kann  sich  steigern.  Joe,  der  zu  den  Fortgeschrittenen gehört, arbeitet an einem  Rückwärtssalto  mit Schraube. Während  er  es erklärt, führt Mike es vor: aus  dem Stand,  einfach so.

Auch  Mike hat ein Ziel: der zweifache  Rückwärtssalto  aus  dem Stand.  Es  gibt  aber keinen Druck – jeder arbeitet  an  sich,  wie  er  es will.

 

Training unter Anleitung – mehr Sicherheit

 

Natürlich gibt es ein gewisses Verletzungsrisiko – vor allem,  wenn  man  auf  eigene Faust  Saltos  und  dergleichen auf  der  Straße  probiert.  Joe wusste früher nicht, wie man sich abrollt. Er sagt von sich, dass er sich schon alle Finger gebrochen  habe.  Marc,  der 19-jährige Trainer der Fortgeschrittenen,  der  früher ebenfalls  alleine  geübt hat,  erwähnt  ganz  nebenbei  Gehirnerschütterungen,  und  Mike  erzählt  von  gebrochenen Rippen. Um dieses Risiko zu verringern,  üben  die  Jugendlichen die  Bewegungsabläufe  und Tricks  in  Workshops  oder beim  offenen  Training  unter Anleitung  in  der  Halle.  Wer schon  weiter  ist,  kann  am Dienstag  mit  den  Fortgeschrittenen trainieren. Letztere können sich im Rahmen des Projekts  IDEE  auch  selbst zum  Ausbilder  weiterbilden.

Wie  zum  Beispiel  Joe  und Mike:  Die  beiden  sind  seit Kurzem zertifizierte Parkour-Basistrainer.  Vier  Übungsleiter gibt es inzwischen. „Bei der Ausbildung geht es auch  um  Fragen  der  Sicherheit – etwa, wie rolle ich mich ab, damit ich mich nicht verletze?",  erklärt  Ulrich.  „Man bringt den Jugendlichen auch bei:  Was  ist  pädagogisch  zu beachten?".  Der  Verein  Free Arts  of  Movement  e.V.  (FAM) in München bietet Ausbildungen  an,  die  Ausbilder sind Sportlehrer mit Übungsleiter- bzw.  Trainerlizenz,  die  Parkour  seit  Jahren  intensiv  betreiben. Von FAM haben die Straubinger auch das Gerüst – eine lohnende  Investition,  wenn man  sieht,  mit  welcher  Begeisterung  es  angenommen wird und wie engagiert die Jugendlichen bei der Sache sind. Trotz  aller  Blasen  an  den Handflächen. Denn die vergehen:  Mit  der  Zeit  bildet  sich eine  Hornhaut,  dann  tut  es auch nicht mehr so weh.

 

Am 18. April findet von 12 bis 17 Uhr die Parkour Spring Jam in der Dreifachturnhalle des Johannes Turmair-Gymnasiums statt. Um 13 und um 15 Uhr kann man bei einem Workshop die ersten Grundlagen von Parkour lernen. Natürlichkann man auch einfach zuschauen. Wer zu einem anderen Termin selbst ausprobieren will (ab 12 Jahren) Offenes Training immer donnerstags, 20-22 Uhr in der Turnhalle der Ulrich-Schmidl-Schule. Weitere Infos zu Parkour: Videos und Kontaktmöglichkeit: „Team Sanax" auf Facebook und unter www.idee-straubing.de   „Free Arts of Movement" (FAM): www.fam-münchen.de ; „Parkour Germany": www.parkourgermany.de

Über Grenzen springen

„Es geht vor allem darum, Hindernisse im Kopf zu überwinden"

Kostenloser Spaß, Adrenalinkick, Freiheitsgefühl: Das sagen die Straubinger Parkourläufer über ihren Sport

Marc (19, Trainer der Fortgeschrittenen):

„Ich mach das schon ewig. Mein Bruder hat Flick-Flacks gemacht und dann aufgehört. Ich fand das so cool, dass ich
vor neun Jahren auf dem Volleyballplatz selbst angefangen habe. Aber ich habe noch nicht gewusst, dass ich Parkour mache. Dann war ich damit mindestens sechs Jahre alleine, bis ich jemanden in Straubing gefunden habe. Die meisten Leute denken, dass wir Rowdys sind und Randale machen. Sie verstehen das falsch. Wenn die uns über ein Gerüst springen sehen, meinen die gleich, wir wären Einbrecher. Man versucht dann, mit den Leuten zu reden.
Für mich ist der Reiz: Es gibt kein Ende. Man kann sich immer erweitern, man kann nie auslernen. Momentan bin ich
aber wunschlos glücklich. Ich mache, was mir gerade Spaß macht. Ich gehe immer mit dem Gedanken an Parkour durch die Stadt, auch in der Arbeit – ich bin auf der Baustelle. Es ist schon leicht, das anderen zu erklären, aber für denanderen ist es manchmal schwer, sich zu überwinden. Ich war immer ein Draufgänger. Ich habe mit zehn Jahren einen Rückwärtssalto gemacht – und auch schon mehrere Gehirnerschütterungen gehabt. Ich habe keine Angst vor irgendwas.
Das Schöne ist: Der Sport ist kostenlos, man kann ihn immer und überall machen, man braucht kein Grundwissen, man macht es einfach!"

 

Joe (16, Basis-Trainer):

„Ich bin seit drei Jahren in Deutschland, davor habe ich in Armenien und Russland gelebt. Ich habe Parkourschon mit 14 auf der Straße gemacht – da wusste ich noch nicht, wie das heißt. Mir gefällt alles an Parkour. Es ist aber nicht leicht, es tut
weh, es tut eindeutig weh (lächelt). Aber du steigerst deinen Körper und deinen Geist, du traust dir dann generell im Leben mehr zu. Ich finde, es geht darum, Hindernisse im Kopf zu überwinden. Das zu machen, bei dem man zuerst dachte, man kann das nicht. Man kann diesen Sport überall machen – wir sind zum Beispiel oft neben dem Kino und am Eisweiher, da kann man richtig gut trainieren. Man lernt aber zuerst alles in der Halle, zum Beispiel, wie mman bei einem Sprung abrollt. Das kannte ich früher gar nicht. Man lernt in der Ausbildung, wie man es anderen erklärt. Ich habe auch vor, mein Wissen weiterzugeben, auf jeden Fall. Will ich es mal beruflich nutzen? Ja, ich habe schon Pläne!"

 

Mike (16, Basis-Trainer):


„Ich mache Parkour seit zwei Jahren. Früher war ich beim Schulturnen und Trampolinspringen, dann habe ich überlegt, wie ich das schwieriger machen kann und bin auf Parkour gekommen. Ich habe dann mal auf der Wiese und im Sandkasten Saltos und so geübt. Ein Kumpel hat mir von dem Training hier erzählt. Es macht Spaß, man hat einen Adrenalinkick und ein Erfolgserlebnis, wenn man etwas Neues geschafft hat. Verletzt habe ich mich schon öfter. Zweimal Rippenbrüche, ich habe mich überdehnt und geprellt. Meine Eltern sagen, ich soll aufhören damit (lächelt). Sie finden meine Tricks gut, aber
die Gefahr schätzen sie höher ein. Ich bin jetzt auch Basistrainer, wir helfen am Anfang, zum Beispiel beim Abrollen. Wie die Leute reagieren, wenn sie uns in der Stadt sehen? Es haben schon mal welche gesagt: Hoffentlich brecht ihr euch das Genick! Die meisten sind aber begeistert und klatschen. Ich werde jedenfalls nie damit aufhören."

 

Philipp (17):


„Ich hatte keine Lust mehr auf das Trampolin wegen dem Leistungsdruck. Drei Monate später war ich bei einer Parkour-Jam und habe die Leute hier getroffen. Ich trainiere eher in der Halle und bin kaum in der Stadt unterwegs. Ob ich damit weitermache, hängt davon ab, was nach dem Abi kommt, wahrscheinlich aber schon. Der Reiz beim Parkour bzw.
beim Tricking in der Halle ist für mich die Freiheit beim Fliegen. Wenn man hochspringt und Saltos macht."

 

Sabine (16):


„Ich habe durch Zufall erfahren, dass es das Training in Straubing gibt. Seit einem halben Jahr bin ich dabei. Mir gefällt, dass es keine Regeln gibt – und man lernt gleich aus Fehlern. Gerade bei Saltos und Sprüngen. Mich reizt auch, dass alles locker ist, aber man Kraft braucht und Überwindung. Ob ich Klimmzüge mache? Nein, kann ich nicht (lacht). Körperbeherrschung ist bei diesem Sport am wichtigsten – und auch, sich nicht zu unter- oder überschätzen. Wür de ich das anderen Mädchen empfehlen? Ja, das ist für jeden was. Persönlich mache ich schon viel Sport: Basketball, Leichtathletik, Tauchen und auch Kickboxen."

 

Astrid (17)


„Ich mache es nur teilweise, weil ich nicht immer da bin. Was mir daran Spaß macht?Man macht etwas, das nicht
jeder macht."

Alina (16)

„Allgemein mache ich sehr gerne Sport. Bei Parkour ist es halt die Überwindung, irgendwo hoch zu klettern und runter zu springen. Der Sport ist gut gegen Stress. Die Philosophie gefällt mir auch: dass man Grenzen austesten und überwinden kann. Ich habe Parkour auf YouTube gesehen und schon mit 11 oder 12 gemacht, bevor ich das Training hier angefangen
habe. Wir haben dann herausgefunden, dass es das auch in Straubing gibt, und haben ein paar aus der Klasse mitgeschleppt. Man verletzt sich schon mal, aber das ist bei jedem Sport mal so. Das ist ja das Coole daran, dass es auch ein bisschen gefährlich ist."

Interviews: Franziska Meinhardt

Quelle: Gäuboden Aktuell, 15.04.2015